Vigdis Kandidatur

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Vigdis Kandidatur 2017-03-27T13:42:00+00:00

In Island wird der Präsident per Direktwahl bestimmt, wobei die Wahl im Allgemeinen nicht von parteipolitischen Strömungen geprägt wird. Stattdessen haben in der Vergangenheit eher die aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen großen Einfluss auf die Entscheidung für einen bestimmten Kandidaten gehabt.

Damit ein Präsidentschaftskandidat die Unterstützung des Volkes gewinnen kann, muss er sich für dessen Belange einsetzen, am gleichen Strang ziehen und Fürsprecher der aktuellen Ideen oder Kultur der Menschen sein. In den 70er Jahren hatte der Kampf der Frauen, mehr Gehör zu finden und stärker am öffentlichen Leben teilzunehmen, das Bewusstsein der Menschen im Hinblick auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau geprägt und auch zu einer Reihe von Gesetzesreformen geführt, die die Rechte der Frau sicherstellen sollten. Die Teilhabe von Frauen am öffentlichen Leben oder politischen Ämtern war bis dahin allerdings noch eine Seltenheit, aber nach 1980 sollte sich dies deutlich ändern. Vigdís Finnbogadóttir kam nicht aus der Frauenbewegung und war nicht die explizite Kandidatin einer solchen Initiative, doch zweifellos hatte der positive Zeitgeist, der nach dem Frauenjahr 1975 vorherrschte, einen fruchtbaren Boden für ihre Kandidatur geschaffen.

In den Jahren 1971-1983 waren nur drei Frauen im Alþingi, dem isländischen Parlament, vertreten gewesen. Als erste Frau war Ingibjörg H. Bjarnason im Jahre 1922 ins Parlament gewählt worden, doch bis in die 70er Jahre hinein waren unter den Abgeordneten jeweils nur eine oder zwei Frauen. Im Jahre 1980 bestand die Regierung aus 10 Ministern, allesamt Männern. Im Jahre 1974 waren 96% aller politischen Vertreter in den Kommunen Männer. Auch in den Ministerien und unter hochrangigen Beamten sah dies nicht anders aus. Alle Staatssekretäre waren Männer und unter den Büroleitern der Ministerien befand sich nur eine einzige Frau. Keine einzige Frau übte die Funktion eines Bankdirektoren, Landrates oder Gemeindevorstehers aus. Auch wenn die Teilnahme von Frauen auf dem Arbeitsmarkt enorm zugenommen hatte, spiegelte sich dies nicht in den Führungsebenen wider.

Am 24. Oktober 1975, dem Tag der Vereinten Nationen, organisierten eine Reihe isländischer Frauenverbände ein gemeinsames Protestprogramm auf dem Lækjartorg in der Stadtmitte von Reykjavik. Zehntausende Frauen legten an diesem Tag die Arbeit nieder und machten sich auf den Weg zu dieser Demonstration, um ihren Forderungen nach Gleichberechtigung Nachdruck zu verleihen. Zum ersten Mal lenkten die Frauen Islands an diesem Tag mit ihrem Kampf um Gleichstellung den Blick der Welt auf sich.

Die Kandidatur und die anschließende Wahl von Vigdís Finnbogadóttir im Jahre 1980, die Kandidatur von Frauenlisten in den Kommunalwahlen zwei Jahre später und die Kandidatur des Zusammenschlusses der Frauenlisten bei den Parlamentswahlen im Jahre 1983 veränderten die politische Landschaft in Island maßgeblich und dauerhaft. Die Parteien begriffen jetzt, dass Frauen große Mengen von Stimmen in ihren Händen hielten und dass sie sich nicht länger von den Zentren der Macht fernhalten ließen – dass sie dies „wagen, können und wollen“, wie es sich die Frauen 1975 auf die Fahnen geschrieben hatten. Aus diesem Grund erhöhten die meisten Parteien die Anzahl von Frauen unter ihren Kandidaten, und steigerten damit am Ende auch die Anzahl von Frauen in politischen Ämtern nach der Wahl.

Als feststand, dass der damalige Präsident Kristján Eldjárn nicht wieder kandidieren würde, waren Stimmen zu hören, ob es nicht an der Zeit sei, die Kandidatur einer Frau zu unterstützen. Gleich zu Beginn fiel der Name Vigdís Finnbogadóttir und die erste Meldung über eine mögliche Kandidatur erschien in der Zeitung Dagblaðið. Dort wird ein Leserbrief von Laufey Jakobsdóttir, einer Hausfrau aus Reykjavik, zitiert, wo diese erklärt, dass eine Debatte unter einer Gruppe von Frauen zu dem Ergebnis geführt habe, die Theaterdirektorin Vigdís Finnbogadóttir zur Kandidatur für das Amt des Präsidenten von Island aufzufordern. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits 3 Männer, Albert Guðmundsson, Guðlaugur Þorvaldsson und Pétur J. Thorsteinsson, ihre Kandidatur angekündigt.

In einem Artikel zur Präsidentschaftswahl im Dagblaðið vom 28. Januar 1980 wird Vigdís Finnbogadóttir selbst zitiert, die geäußert hatte, die Vorstellung einer Kandidatur ihrerseits sei völlig absurd, und sie bitte darum, ihren Namen nicht mehr in diese Debatte hineinzuziehen. Vier Tage später, am 1. Februar, erschien jedoch ein großer Artikel auf der Titelseite der gleichen Zeitung unter der Überschrift „Vigdís Finnbogadóttir erklärt ihre Kandidatur für das Amt des Präsidenten“. Dort wird sie gefragt, ob sie nicht befürchte, dass die Tatsache, dass sie eine Frau ist, sie im Amt des Präsidenten behindern würde, was sie kategorisch verneint. Der Journalist erinnert dann daran, dass sie noch nicht einmal verheiratet sei. Ihre Antwort darauf: „Gewiss, aber bisher bin ich im öffentlichen Leben, auf Festen und anderen Veranstaltungen auch ohne Mann an meiner Seite ganz gut zurechtgekommen.“

Als sie gefragt wurde, ob sie nur deshalb zu einer Kandidatur aufgefordert worden sei, weil sie eine Frau ist, antwortete sie: „Selbstverständlich ist es mir nicht entgangen, dass ich eine Frau bin, auch wenn ich diese Tatsache mitunter gern einmal vergesse. Viele der Menschen, die mich angerufen haben, wünschen sich durchaus, dass unter den Kandidaten zumindest ein weibliches Gesicht ist.”

Einen Tag später erklärte Vigdís Finnbogadóttir in einem Artikel in der Zeitung Tíminn, dass sie aus dem ganzen Land Unterschriftenlisten erhalten habe, mit denen sie zu einer Kandidatur aufgefordert wird. „Ich glaube, am Ende war es ein Telegramm, das den Ausschlag gab, das ich von einer ganzen Schiffsbesatzung von Seeleuten erhielt, die mich zur Kandidatur aufforderten, wahrscheinlich das schönste Telegramm, das ich je in meinem Leben erhalten habe.“ Dies war die Besatzung des Trawlers Guðbjartur aus den Westfjorden, die Vigdís Finnbogadóttir noch während des gesamten Wahlkampfes mit aufmunternden Briefen und guten Wünschen begleitete. Und daran schlossen sich innerhalb kurzer Zeit weitere Besatzungen isländischer Trawler an und bald bestand kein Zweifel mehr, dass Vigdís Finnbogadóttir sich auf die Unterstützung der isländischen Seeleute verlassen konnte. Das erklärte sie später damit, dass Fischer so viel Verständnis für ihre Kandidatur hätten, weil sie oft so lange Zeit auf dem Meer verbrachten und die Verantwortung und Leistung ihrer daheim gebliebenen Frauen zu schätzen wussten.

Im gesamten Wahlkampf von Vigdís Finnbogadóttir waren Frauen stark präsent. Ihre Wahlkampfleiterin war Svanhildur Halldórsdóttir und 15 von 24 Wahlbüros wurden von Frauen geleitet. Viele Frauen, die aktiv an der Emanzipationsbewegung in Island teilgenommen hatten, unterstützten ihre Kandidatur. Sie appellierten an die Solidarität unter Frauen und baten diese, für die gemeinsame Sache einzustehen, so wie sie das während des Frauenstreiks auch getan hatten. In vielen Artikeln von Frauen, aber genauso auch von Männern, wurde betont, dass das Volk jetzt endlich die Chance hatte, die Gleichstellung der Frau nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten zu unterstützen.

Nach Einschätzung ihrer Wahlleiterin wirkte die Tatsache, dass Vigdís Finnbogadóttir alleinstehend war, abweisend auf viele Menschen – sogar, wenn sie eigentlich davon überzeugt waren, dass sie dem Amt gewachsen war. In den Leserspalten der Tageszeitungen wurde die Ermangelung eines Ehemannes an der Seite von Vigdís Finnbogadóttir ausgiebig diskutiert. Sie selbst sagte dazu stets, dass sie sich mit einem Mann an ihrer Seite wohl kaum um die Präsidentschaft beworben hätte. Dies wäre wohl einem Mann ihrer Generation nicht zuzumuten gewesen, auch wenn sie selbst bereit war, sich dieser Aufgabe zu stellen. Vigdís Finnbogadóttir erklärte, man solle sie wählen, weil sie ein Mensch sei. Es sollte schlicht eine Selbstverständlichkeit sein, eine Frau genauso wie einen Mann wählen zu können. „Und wenn ich etwas dazu beitragen kann, dass Frauen sich stärker engagieren, dann halte ich das für eine gute Sache für die Töchter unseres Volkes.“

Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im Jahre 1980 befand sich der Kalte Krieg auf dem Höhepunkt und bedeutende Kräfte innerhalb der Gesellschaft hielten es für unangebracht, dass ein isländischer Präsident möglicherweise negativen Einfluss auf den Verteidigungspakt mit den Amerikanern haben könnte. Desweiteren wurde Vigdís Finnbogadóttir angekreidet, linker Gesinnung zu sein. Darauf entgegnete sie, dass sie für eine Politik des sozialen Ausgleichs sei und der Friede für sie immer an erster Stelle stehe. Wenn sie das zu einer Linken mache, würde sie sich wohl damit abfinden müssen. Die Stationierung ausländischer Streitkräfte in Island sollte stets hinterfragt werden. Auch wenn es aufgrund der aktuellen politischen Lage in der Welt leider erforderlich sei, hier Streitkräfte zu stationieren, müsse man diese immer als Gäste betrachten.

Während des Wahlkampfs verfasste Elísabet Þorgeirsdóttir, Arbeiterin in einer Fischfabrik und

Dichterin, die folgenden Verse für Vigdís Finnbogadóttir:

 

An Vigdís Finnbogadóttir

Während ich dastehe und die Würmer aus dem Kabeljau ziehe
ruf ich dir Worte der Ermutigung zu
ich schwinge das Messer
Kabeljau um Kabeljau
die alle meine Botschaft hören
bevor sie in den Karton fallen
und sich auf die Reise nach Amerika machen.
Und während ich dastehe und die Windeln auswringe
die schmutzigen Teller in die Spüle stelle
wünsch ich dir in Gedanken
Kampfesmut.
Ich fege meinen Unrat
wirsch zur Seite,
versuche all meine Kraft zusammenzunehmen
um sie an dich weiterzugeben.
Du erinnerst dich
dass dein Kampf für uns gekämpft wird
viele Hundert Mütter in vielen Hundert Küchen
Tausend Jahre täglicher Plage
in einem kargen Land.
Lass nicht nachund ich lass nicht nach
dem Kabeljau zuzuflüstern
doch vor allem wünsch ich mir
wenn die Zeit kommt
meinem Sohn
von deinem Mut zu erzählen.

Elísabet Þorgeirsdóttir, 1980.